Aktueller Journalismus 3

Erneut zeigt uns die Presse, wie aus Information eine Manipulation wird. Fast unbemerkt, subtil und effizient. Heute melden alle Nachrichtenredaktionen und solche, die es gern noch wären, dass der vom niederländischen Sicherheitsrat veröffentlichte Zwischenbericht bestätige, dass das über der Ostukraine abgestürzte Flugzeug der Malaysian Airlines, Flug MH17, von „zahlreichen Objekten durchlöchert“ wurde.

Hier ist der Bericht:
http://www.onderzoeksraad.nl/uploads/phase-docs/701/b3923acad0ceprem-rapport-mh-17-en-interactief.pdf

Da ist von einer „Vielzahl hochenergetischer Objekte“ die Rede oder von „Objekten in Hochgeschwindigkeit“. Was wird daraus gemacht? An diesen Beispielen wird es erkennbar. Die fett hervorgehobenen Stellen zeigen, wie aus einer Information, die mit Spekulationen gespickt wird, eine Manipulation wird. Aber nicht nur inhaltlich. Die Leser werden auch wieder auf Schuldzuweisungen dressiert. Sachlich und neutral betrachtet es Tim Röhn in einem Artikel, der auf welt.de erschien. Zwar stellt er in der Überschrift die Schuldfrage. Aber es folgt keine direkte oder indirekte Antwort darauf. Damit hebt er sich angenehm von der Meute ab.

MH17 wurde definitiv abgeschossen – nur von wem?
www.welt.de

Auch die Süddeutsche verlässt die Sachebene nicht. Eine entsprechende Meldung auf n-tv gibt aber dann den Meinungskurs der Bundesregierung vor, der noch vor Veröffentlichung des Zwischenberichtes als Leitinie für die „öffentliche Meinung“ dient.

Eine automatische Erkennung wies das erste Signal einem „Surface-to-Air-Missile SA-3“ zu. Dieses in den sechziger Jahren in der Sowjetunion eingeführte Flugabwehrsystem kann mit Hilfe von Radarunterstützung Objekte bis in einer Höhe von 18.000 Metern treffen. Das abgestürzte Flugzeug von Malaysia Airlines soll in rund 10.000 Metern Höhe den Luftraum über der Ostukraine erreicht haben.

Die veröffentlichten Ergebnisse belegen allerdings nicht, ob tatsächlich eine Rakete für den Absturz von MH17 verantwortlich war. Neben der identifizierten SA-3-Rakete käme so auch eine bereits im Vorfeld als mögliche Tatwaffe bezeichnete Buk-Rakete für einen Abschuss infrage, sofern diese ohne zusätzliches Radar-Leitsystem abgeschossen wurde.

[…]

Alexander Neu, Linkspartei-Mitglied im Verteidigungsausschuss, sagte, „dass die Bundesregierung über keinerlei Kenntnisse verfügt“, welche der beiden Kriegsparteien möglicherweise für die Zerstörung der Maschine und den Tod von 298 Menschen verantwortlich ist.
www.n-tv.de

Zensur beginnt bekanntlich in den Köpfen. Und so folgt der deutsche Blätterwald ohne jegliche Fakten der These von der Boden-Luft-Rakete. Es ist Aufgabe der Journalisten, diese Ansicht so in Worte zu packen, dass sie in die Köpfe der Leser gepflanzt wird und gleichzeitig bei Bedarf jederzeit dementiert werden kann.

Der vom niederländischen Sicherheitsrat OVV veröffentlichte Zwischenbericht zu der im Juli über der Ostukraine abgestürzten Boeing 777 stützt indirekt die These, wonach die Maschine durch eine Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.
www.spiegel.de

Der Bericht legt somit nahe, dass die Maschine tatsächlich von einer Rakete abgeschossen wurde. Offiziell ist von einer Rakete in dem Bericht aber nicht die Rede. Zudem bleibt die Frage offen, wer für den Beschuss verantwortlich ist.
www.zeit.de

In dem Bericht wird jedoch nicht von Raketenbeschuss gesprochen. Die Angaben dürften aber den Verdacht stützen, dass das Flugzeug über Kriegsgebiet in der Ostukraine mit einer Rakete abgeschossen wurde. Ebenfalls keine Aussage gibt es dazu, wer dafür verantwortlich sein dürfte.
www.tagesschau.de

Wie kommt es eigentlich dazu, dass man die Verschwörungstheorie These der Boden-Luft-Rakete in einen Bericht hineininterpretiert, der gerade diese Aussage überhaupt nicht hergibt? Dazu muss man nur die richtige Presse lesen.

Der britische Luftsicherheitsexperte Christopher Yates sagte jedoch der Nachrichtenagentur AP, der Bericht sei „äußerst übereinstimmend mit dem Schaden durch eine Rakete, schlicht wegen der Tatsache, dass es Einschlagsspuren gegeben hat“. Und weiter: Die Einschlagsgeschwindigkeit müsse extrem hoch gewesen sein, um einen solchen Schaden anzurichten. „Das kann nur eine Rakete sein, die diese Höhe erreicht und das Flugzeug getroffen hat, vermutlich eine BUK-Rakete.“
www.bild.de

Christopher Yates ist ein Luftsicherheitsexperte. Leider sagt das nichts aus über seine waffentechnischen Kenntnisse. Und so kommt er wohl auch zu der genau so klaren wie unsinnigen Aussage, dass nur eine Rakete Einschlagsspuren hinterlassen würde – falls das so richtig zitiert wurde. Zum Teil hat er recht. Eine Rakete kann das. Sie muss keinen Volltreffer landen, sondern fliegt in die Nähe des Zielobjekts und zündet dann den Gefechtskopf. Tausende Splitter zerfetzen mit hoher Geschwindigkeit ihr Ziel. Diese Variante lässt sich also überhaupt nicht ausschließen. Immerhin beschränkt sich Mr. Yates hier nicht auf eine Boden-Luft-Rakete. Es könnte also auch eine Luft-Luft-Rakete gewesen sein. Oder eben auch die Bordgeschütze eines Kampfjets. Eurofighter und Tornado lassen sich z.B. mit Mauser BK-27  als Bordkanonen ausrüsten, die bis zu 1700 Schüsse pro Minute abgibt. Um das unterscheiden zu können, müssen aber erst die Wrackteile untersucht werden. Die Fantasie eines Sicherheitsexperten und auch die von Journalisten mit einer Schere im Kopf reicht nicht aus.

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