Europameister Deutschland

Jetzt ist es amtlich: Wir sind Europameister! Nein, nicht im Fußball. Daran denkt man bei Meisterschaften oft zuerst. Da kämpft eine relativ kleine Gruppe und bei ihrem Erfolg dürfen wir alle uns als Sieger fühlen. Bei einer Europameisterschaft ganz anderer Art kämpfen sehr viel mehr Menschen mit. Millionen sind es täglich. Sie sind erfolgreich und doch keine Sieger. Eher die Verlierer.

Die Statistikbehörde der EU, Eurostat, hat die Ergebnisse einer Studie für die EU-Kommission veröffentlicht. Darin ging es um Arbeitszeiten, Urlaub und vieles mehr. Die vertragliche Wochenarbeitszeit liegt in der Bundesrepublik bei durchschnittlich 37,7 Stunden. Tatsächlich arbeiten wir aber im Schnitt 41,7 Stunden, also 4 Stunden mehr. Jede Woche. So kommen im Jahr 47,3 Überstunden zusammen, mehr als eine Arbeitswoche! Nur knapp die Hälfte dieser Überstunden wird bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust treibt viele Angestellte in den irrigen Glauben, durch freiwillige unbezahlte Arbeit ihre Stelle absichern zu können. Vor allem Fach- und Führungskräfte bleiben oft länger im Büro, ohne das zu berechnen.

Die Statistik arbeitet mit Durchschnittswerten und Verläufen. Eine Branche, in der es deutlich schlimmer aussieht als im Durchschnitt, ist das Gesundheitswesen. Nicht nur dass die Arbeit im Pflegebereich unwürdig bezahlt wird, so dass der Dienst am kranken Menschen auch ver-dienst-mäßig nicht lukrativ erscheint. Dem daraus resultierenden Personalmangel begegnet man oft einfach mit Appellen an die Menschlichkeit.  Es geht immerhin um Menschen und oft um deren Leben. Also heißt es, die Zähne zusammenzubeißen. Eine wirkliche Lösung ist dagegen nicht in Sicht. Bundespolitiker sehen an der Realität vorbei und warnen mit großen Worten vor einem Pflegenotstand, der schon längst Alltag ist. In Mitteldeutschland noch stärker als im Westen. Denn die Tariflöhne sind auch 24 Jahre nach dem Beitritt der neuen Bundesländer noch niedriger als in den alten. Im Arbeitskampf wird vor allem an das Gewissen appelliert, damit er möglichst gar nicht erst stattfindet. Da haben es die Arbeitgeber mit religiösem Hintergrund einfacher als die staatlichen. Während sich letztere mit den Gewerkschaften konfrontiert sehen, können erstere auf die christlichen Nächstenliebe setzen und vor allem darauf, dass sie falsch verstanden wird. Der öffentliche Tarif ist für sie längst kein Leitwert mehr. Sich selbst weniger zu lieben als den Nächsten – das erwarten sie von ihren Mitarbeitern.

Während die Kassen trotz ihrer umfangreichen Verwaltungen stolz Gewinne präsentieren können, wird es bei denen, die eigentlich von diesem Geld bezahlt werden sollten, immer enger. Denn die Arbeit im Gesundheitswesen wird nicht etwa an den Ergebnissen am Patienten gemessen, sondern anhand der Abrechnung bestimmt. Je detaillierter und umfangreicher sie wird, um so mehr Zeit nimmt sie in Anspruch. Ein reiner Verwaltungsaufwand, der nicht bezahlt wird. Auch das trägt dazu bei, dass das Pflegepersonal in der Bundesrepublik bezüglich der Überstunden den Durchschnitt nach oben zieht. Und nicht nur da. Auch bei den Ausfallzeiten. Solche Arbeitsbedingungen machen nicht nur verschnupft. Burnout ist längst keine Managerkrankheit mehr. Oder doch? Pflegefachkräfte sind auch Manager mit vielfältigen Aufgaben und großer Verantwortung. Weitgehend allein gelassen müssen sie den Personalmangel selbst managen. Und das möglichst anders als wir, die Gesellschaft, mit ihnen umgehen. Nämlich liebevoll.

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