Aktueller Journalismus 4

Der amtierende ukrainische Präsident Poroschenko spricht mit Putin. Die Zeichen stehen auf Entspannung. Und das trotz der NATO-Manöver im Nicht-Mitgliedsland Ukraine, das „rein zufällig“ gerade ein Unruheherd ist mit Gefahrenpotential für die ganze Welt. Trotz der Verstärkung der Präsenz des russischen Militärs an den Grenzen des eigenen Landes als Antwort darauf. Trotz der eindeutigen Abkehr vom Kurs des rechtmäßigen Präsidenten Janukowytsch, die Ukraine als wirtschaftliche Brücke zwischen der EU und Russland zu etablieren, indem EU und Ukraine zeitgleich ihre Zusammenarbeit bekräftigen, während die EU gegen Russland Sanktionen verhängt.

Diese Entspannung passt offenbar nicht ins Konzept. Und so greift die Süddeutsche Zeitung zu einem Propagandamittel, das erst jüngst getestet wurde. Wie es für die angeblich nicht gleichgeschaltete Presse üblich ist, schreibt das nun einer vom anderen ab.

„Putin soll Europa massiv gedroht haben“, lesen wir da in der Überschrift. Er soll? Genaues weiß man also nicht. Das gibt noch keinen Artikel her. Also muss noch ein wenig interpretiert werden. Denn bekannt ist nur Poroschenkos Aussage, dass Putin zu ihm gesagt habe: „Wenn ich wollte, könnten russische Truppen in zwei Tagen nicht nur in Kiew, sondern auch in Riga, Vilnius, Tallinn, Warschau oder Bukarest sein.“ Daraus eine Drohung zu basteln, fällt dem SZ-Korrespondenten in Brüssel offensichtlich nicht schwer. Zum einen hegt auch er keine Spur von Zweifel an den Worten Poroschenkos, dessen Regierung in den letzten Wochen durch auffällig viele Lügen von sich reden gemacht hat. Zum anderen stellt sich ein Journalist selbst ein schlechtes Zeugnis aus, wenn er die Bedeutung des Konjunktivs nicht kennt. Aber das macht nichts „im Dienst der Sache“.

Nun muss man an den Worten Putins natürlich auch nicht unbedingt zweifeln. Sieht man sich die Lage der genannten Hauptstädte auf der Karte an, dann fällt sicher auf, dass sich Kiew nur etwa 300 km von der russischen Grenze entfernt befindet. Von der lettischen Hauptstadt Riga bis zur russischen Grenze sind es etwa 250 km. Die litauische Hauptstadt Wilna hat mit etwa 340 km einen etwas größeren Abstand. Tallinn, die Hauptstadt Estlands, ist nicht nur knapp 300 km von Russland entfernt, sondern von Sankt Petersburg bzw. Sosnovy Bor über den Finnischen Meerbusen quasi direkt erreichbar. Polen liegt durch diese drei Staaten, Weißrussland und die Ukraine von Russland abgetrennt. Trotzdem sind es bis Warschau auch nur 800 km. In der größten Entfernung von Russland liegt die rumänische Hauptstadt Bukarest, wenn man vom Seeweg über das Schwarze Meer absieht. Alles Entfernungen, die für eine moderne Armee kein wirkliches Hindernis darstellen.

Ein wirkliches Hindernis wäre allerdings die NATO, die ebenfalls über eine moderne, wenn nicht sogar die modernere Armee verfügt. Und die gerade mehrere große Manöver in genau dieser Region durchführt. Nur kann auch sie nicht überall gleich stark präsent sein. So gesehen wäre Putins Aussage nichts weiter als die Feststellung einer Tatsache. Um darin eine Drohung zu sehen, muss man vor allem eine Frage unbedingt vermeiden:

„Will er überhaupt und warum tut er es nicht?“

Aber vielleicht wollte auch nur Poroschenko mit dieser „Drohung“ die Lieferung von Waffen erschleichen, die ihm entgegen der Behauptung seines Präsidentenberaters Juri Luzenko die NATO bisher versagt hat. Auf eine Lüge mehr oder weniger käme es sicher nicht mehr an.

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