Aktueller Journalismus 5

Es gab am Sonntag in Moskau eine große Demonstration für Frieden in der Ukraine. 5000 Teilnehmer hat die Polizei geschätzt. 0,043 % der Einwohner mag nicht viel erscheinen für die 11,5-Millionen-Metropole. Aber die Veranstalter gaben auch mehr als die sechsfache Zahl an. Die Bilder lassen eher Zweifel an der kleineren Zahl aufkommen. Dass die Angaben so stark voneinander abweichen, mag verwundern. Dass die Schätzwerte verschieden sind, ist aber normal. Sicher spricht es auch dafür, dass die Demonstration selbst friedlich verlaufen ist. Sonst hätte die Polizei wohl mehr zu tun gehabt.

Die offizielle Presse des Westens macht daraus einheitlich eine Demonstration gegen Putin und „seine Ukraine-Politik“. Sie hält ihr Publikum für dumm genug, die Fehler in der Berichterstattung nicht zu bemerken. Genau betrachtet trifft das für einige Leute auch zu. Aber sicher nicht für die Mehrheit.

Da wird eine Demonstration gegen Putin (Verzeihung, für den Frieden) ganz normal und öffentlich von Putin-Gegnern organisiert, die doch eigentlich unterdrückt sind. Jedenfalls nach westlicher Berichterstattung. Die „Zeit“ lässt zur Illustration einen jungen Mann mit ukrainischer Fahne an einer dichten Mauer von Polizisten vorbeilaufen. Gleich unter der Überschrift „Tausende demonstrieren in Moskau für Frieden“. Vielleicht war er ja der erste, der auf Tausende andere gewartet hat. Oder der letzte, auf den sie gewartet haben. Das Foto hat Maxim Zmeyev der Agentur Reuters bereitgestellt. Von ihm wurde ein weiteres genutzt, ein großes Transparent mit der Aufschrift „Keinen Krieg mit der Ukraine!“ Zwei Bilder hat Julian Hans, SZ-Korrespondent in Moskau, über Twitter beigesteuert. Eine kleine Gruppe, die etwas abgetrennt von den anderen hinter einem Transparent der Russischen Antikriegsbewegung marschiert. Sie tragen Schilder „Die Junta ist im Kreml“ und „Nehmt unsere Kinder aus dem Krieg“ mit sich. Einige Medien verwendeten auch ein Bild von Eugen Feldman, auf dem Männer die ukrainische Flagge mit der Aufschrift „Vergib uns, Ukraine“ tragen.

Alles zielt daraus ab, die Behauptung zu nähren, Russland habe Truppen in der Ukraine und würde den Krieg schüren. Denn die Menschen haben für den Frieden demonstriert und einige sehen ja eine Junta im Kreml. Aber geben die Fakten über die Demonstration das her, was uns die Presse erzählen soll? Die Journaille übersieht ein entscheidendes Detail bei ihrer Kriegshetze. Selbst die OSZE-Beobachter vor Ort haben keine russische Armee in der Ukraine ausmachen können. Also greift man zur Gebetsmühle. Durch die Wiederholung eines Mantras mögen sie Glauben erzeugen wollen. Wahrheit lässt sich so weder schaffen, noch verbreiten. Aber Masken werden durch die Überbeanspruchung spröde und bröckeln.

In der Tagesschau wechselte man nach dem Mantra schnell von der angeblichen russischen Bedrohung der Ukraine auf Ultranationalisten und orthodoxe Geistliche. Die haben Putin aufgefordert, die Separatisten mit russischem Militär zu unterstützen.
Moment. Wie denn das? Sie sollten unsere Presse lesen. Da tut er doch längst das, was sie von ihm fordern. Oder sieht es in Wahrheit vielleicht doch ein wenig anders aus?

Bei der Huffington Post hat man sich etwas geschickter verhalten. Nach der kurzen Erwähnung des Mantras ging man gleich zu den eigentlichen Konfliktparteien über, der ukrainischen Regierung und den Separatisten. Der Hauptteil des Artikels ist diesen beiden Seiten gewidmet. Dazu brauchte man das Feindbild Putin nicht mehr zu bemühen.

Den Vogel abgeschossen hat aber das Heute-Magazin des ZDF. Die Parole „Nein zum Krieg“ wird Putin-Gegnern untergejubelt. Nicht etwa Kriegsgegnern. Nein, beim Zweiten sind das mit der gleichen Selbstverständlichkeit Putin-Gegner. Dann geht es weiter im Konjunktiv. „Die Kremlgegner sehen ungeachtet der Feuerpause weiter die Gefahr, dass Putin jedes Mittel willkommen sein könnte, seine Machtinteressen in dem Nachbarland durchzusetzen“, beschreibt man da die Motive. Wie üblich bleibt die Frage, warum Putin denn könnte und offensichtlich doch nicht will, auch da wieder konsequent unbeantwortet. Zu unbequem, zu sehr entlarvend. Aber das ZDF macht seinem Werbespruch alle Ehre. Mit dem zweiten sieht man besser. Damit das nicht passiert, versucht man, auch das zweite Auge noch zu verkleistern.

Wie war das doch gleich?
– „Mama, warum ist das Heute-Journal immer so schnell vorbei?“
– „Weil sie immer nur die halbe Wahrheit sagen, mein Kind.“

Der Artikel wird mit etwas Statistik illustriert. Darin zeigt sich wieder einmal die subtile Manipulation durch eine öffentlich-rechtliche Anstalt der Bundesrepublik. Finanziert durch unsere Nutzungsgebühren Zwangsbeiträge. In der Rubrik „Volksgruppen“ findet der Leser die durchaus richtige Beschreibung, dass in der Ukraine rund 78 % ethnische Ukrainer, rund 17 % ethnische Russen und weitere Minderheiten leben. Nun ist es nur so, dass sich ja nicht die Ukraine von der Ukraine abspalten möchte. Wir könnten genau so gut ganz Europa betrachten und feststellen, dass die 46 Millionen Ukrainer eine kleine Minderheit sind und fast die Hälfte, nämlich rund 20 Millionen gar nicht in der Ukraine lebt. Es geht konkret um die Ostukraine. Und die ist überwiegend, also zu mehr als 50 %, von Russen bewohnt. Und das schon seit dem 18. Jahrhundert.

Die Demonstranten in Moskau forderten ein Ende der propagandistischen und materiellen Hilfe für die prorussischen Separatisten, verriet das Heute-Magazin. Warum werden sie eigentlich „prorussische Separatisten“ genannt? Es sind Russen! Menschen, die dort leben, dort als Kinder russischer Eltern geboren wurden und aufgewachsen sind in einer Region, die seit langem zu Russland gehörte. Erst seit 1917 bekamen ukrainische Separatisten Aufwind in der Februarrevolution. Einen Sonderstatus als Ukrainische SSR in der UdSSR erhielten sie nach der Oktoberrevolution. Erst seit 1991 gibt es den eigenständigen Staat Ukraine.

Um der obigen Satire gerecht zu werden, sollte aber auch der Teil erwähnt werden, der wahr ist und damit den ganzen Artikel wenigstens zur halben Wahrheit macht. In den beiden letzten Sätzen stellt das Magazin zur Meinung der Demonstranten in Moskau fest:

Es ist allerdings die Position einer Minderheit. Die große Mehrheit der Russen steht weiter hinter der Politik von Putin.

Nicht nur die große Mehrheit der Russen. Auch die Menschen anderer Länder, wie sie in einem offenen Brief an Putin zeigen. Aber gerade von dieser Tatsache soll ja abgelenkt werden. Dazu dienen die medialen Gebetsmühlen.

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