Bin ich ein Deutscher?

Eine interessante Betrachtung in der „Welt“, trotz der eher herabwürdigenden Überschrift. Deutschland mit in die Luft gereckter Nase auf dem Weg nach unten. Eine Rückschau bis ins Ende des 18. Jahrhunderts am Beispiel einer Familie, die doch stellvertretend für so viele steht. Nur drei oder vier Generationen. Man kann es gar nicht genau beziffern, denn die Lebenserwartung ist deutlich gestiegen. Aber auch der Versuch, im historischen Vergleich eine Zukunftsvision zu finden. „Das letzte große Hurra der hochmütigen Deutschen“ malt keine schöne Vorstellung. Aber eine durchaus denkbare. Und dann wird alles durch die übliche Verallgemeinerung geschmälert.

Die Stagnation des Wohlstandswachstums – eine Schreckensvision? Sonderkonjunktur. Ist das eine nicht selbst verursachte, quasi in den Schoß gefallene, Konjunktur?

Deutschland braucht eine dynamische Wirtschaft, mehr denn je. Ansehnliches Wachstum ist die einzig realistische Chance, die Versprechen gegenüber künftigen Rentnergenerationen auch nur halbwegs einzuhalten.

Im Grunde braucht Deutschland nur eines. Und das genau so wie alle anderen Länder auch. Die Abkehr vom zerstörerischen Drang zu Superlativen. Die Rückkehr zu Besinnlichkeit und Genügsamkeit, das Erkennen der Kraft der Demut. Es wäre eine beinahe religiöse Ausrichtung. Weg vom Drängeln als Dauerzustand, hin zu „re ligare„, dem Rückbinden [an die Wurzeln des Daseins]. Dazu würde es reichen, die Ursachen des Drängelns zu erkennen und sie auszuschalten. Aber gerade das wurde unserem Denken ausgetrieben. Und doch haben gerade wir Deutschen eine kollektive, historische Erfahrung darin.

Das Goldene Mittelalter ist vielen überhaupt kein Begriff. Mit Mittelalter verbinden wir bittere Armut, verheerende Kriege, grassierende Seuchen, Hexenverbrennung. Ein finsteres Mittelalter. Geben wir Goldenes Mittelalter in eine Suchmaschine ein, dann werden wir auf wunderschöne goldene Buchverzierungen hingewiesen. Aber immer mehr auch an die Epoche zwischen der Mitte des 12. und der Mitte des 15. Jahrhunderts.

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Wichmann“ von Kotofeij K. Bajun – Eigenes Werk. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Es lohnt sich, über das Geldsystem nachzudenken, das der Magdeburger Erzbischof Wichmann von Seeburg ersonnen hatte, um die Probleme seiner Zeit in den Griff zu bekommen. Die Probleme unserer Zeit liegen gar nicht so weit davon entfernt. Im Wikipedia-Eintrag findet man dazu nur kurze Bemerkung, „… [er] sorgte auch für die Hebung von Handel und Gewerbe in den Städten seines Einflussbereiches.“ Im Eintrag zu Brakteaten findet man eine weitere Erwähnung. Eine ausführlichere Darstellung samt Diskussion findet man im Forum von Wallstreet-Online.

Die Abkehr vom Horten des Geldes mit dem Ziel, es zu verleihen, um ohne eigene Leistung den Zins, also noch mehr Geld zu bekommen, ist die grundlegende Ursache dafür, dass wir immer mehr und mehr brauchen. Inzwischen ist es in den Köpfen der Menschen fest verankert, dass alles wachsen muss. Selbst das Wachstum. Eine stabile Wachstumsrate wird verteufelt. Wachstumsraten müssen genau so wachsen wie das Wachstum selbst. Alles andere bedeutet Untergang.

Und so wird auch in diesem Artikel in der „Zeit“ folgerichtig behauptet, Deutschland brauche eine „dynamische Wirtschaft mehr denn je“. Gleichzeitig wird vor dem Kollaps gewarnt. Ausführlich legt Olaf Gersemann die Gründe dar. Das hat einen gewissen Hauch von „wasch mich, aber mach mich nicht nass“. Denn der systemimmanente Zwang zu unendlichem Wachstum in einer Welt endlicher Ressourcen ist der direkte Weg in die selbstregulierende Reinigung. Karl Marx schrieb von der zyklischen Krise des Kapitalismus. Auch wenn er in seinem Werk die Wirkungsweise des Zinsgeldes ausgeblendet hatte, wissen wir aus seiner Korrespondenz mit Friedrich Engels, dass er sie kannte. Die Gesellschaft kann sich nicht vor den Naturgesetzen drücken. Das dritte Newtonsche Axiom, zu jeder Kraft gibt es eine gleich große entgegengerichtete Kraft, wirkt nicht nur in der Mechanik. Auch wenn uns die Vorstellung eines zinslosen Geldwesens schwer fällt und für so manchen unmöglich ist. Zu denken, dass es immer so weitergeht, ist eine Form des Hochmuts. Nicht nur bei Deutschen.

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