Aktueller Journalismus 6

Es gibt immer wieder Journalisten, die systemtreu die Wahrheit verbiegen. So titelt der Focus in einem Artikel über die Gasversorgung der Bundesrepublik:

Der große Irrtum: Deutschlands Gasreserven gehören längst den Russen

Hat man diesen Schock erst einmal verdaut, lohnt es sich, doch den Artikel zu lesen. Denn da zeigt sich, wie diese vermeintliche Wahrheit entsteht. Es ist tatsächlich so, dass Russland Gasreserven in der Bundesrepublik besitzt. Die FOCUS-Online-Redakteurin Philine Lietzmann scheint nicht viel von einfacher Logik zu halten. Oder war da die berühmte Schere im Kopf der Übeltäter? Erst erklärt sie dem Leser:

Allein der größte Gasspeicher Deutschland in Rehden bei Bremen steht für 20 Prozent der deutschen Gaskapazitäten. Er könnte ein Jahr lang 2,2 Millionen Haushalte mit Gas versorgen. Da ist es wenig beruhigend, dass ausgerechnet diese Kavernen im Zuge eines Tauschgeschäfts anden russischen Staatskonzern Gazprom fallen sollen. Der bisherige Betreiber BASF tauscht die Speicher-Höhlen gegen Gasförderlizenzen in Sibirien. Bisher ist der Handel allerdings noch nicht abgeschlossen. Wie ein BASF-Sprecher auf FOCUS-Online-Anfrage mitteilte, soll der Gasspeicher in Rehden erst im Herbst vollständig in den Besitz von Gazprom übergehen. Das Geschäft habe wegen der Umstrukturierung und Neugründung verschiedener Ländergesellschaften etwas länger gedauert als geplant. Ursprünglich war der Abschluss für die Jahresmitte angepeilt worden.

Und dann kommt sie plötzlich zu dem Schluß:

Über Tochtergesellschaften und Beteiligungsfirmen gehören Gazprom schon jetzt der Speicher in Jemgum und Anteile am Speicher Etzel sowie dem im Bau befindlichen Gaslager in Peissen: Zählt man Rehden dazu, kontrollieren die Russen damit etwa 34 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten. Auch die zweitgrößte Gasreserve Europas im österreichischen Haidach gehört bereits zu einem Drittel zum Gazprom-Imperium.

Der Speicher Rheden gehört Gazprom noch nicht. Erst braucht BASF dafür eine Gasförderlizenz. Nicht irgendwo. Nein, ausgerechnet in Russland. Wozu braucht man eine solche Lizenz? Ganz sicher zur Förderung von Gas. Damit stünde der Bundesrepublik russisches Gas zur Verfügung. Wahrscheinlich auch etwas mehr als im Speicher von Rheden.

Wie kann man ein noch nicht verkauftes Gaslager als verkauft betrachten, den Kaufpreis – die Förderlizenz – dagegen ignorieren? Ganz einfach. Genau so wie man ein sich im Bau befindliches Gaslager ebenfalls als bereits fertig versteht. Denn die Gazprom-Tochter astora betreibt den Gasspeicher Jemgum (1,2 Mrd. m³) für den deutschen Energieversorger EWE AG. Der Gazprom-Anteil am 1,06-Mrd-m³-Speicher Etzel liegt bei einem Drittel, der am 0,6-Mrd-m³-Speicher Peissen bei 50 %. Da machen sich der 4,3 Mrd. m³ fassende Speicher Rheden natürlich gut, um die Zahlen aufzupolieren. Denn tatsächlich liegt der russische Anteil bei knapp 22 % der deutschen Erdgasvorräte. Diese Zahl schien für eine Panik wohl zu klein. Oder Frau Lietzmann hat nicht damit gerechnet, dass sich die Leser einfach direkt bei der Quelle informieren.

Die Taktik dieser Redaktion wird um so deutlicher, wenn man die Hinweise auf andere Artikel zum Thema beachtet. Da wird man auf den Artikel „Putins heimlicher Helfer: Wie Ungarn die Front gegen Russland sabotiert“ hingewiesen. Es geht um eine Front gegen Russland. Die hat in der deutschen Geschichte schon Tradition.

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Ein Gedanke zu „Aktueller Journalismus 6

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