Demokratie in Wort und Tat

Der Begriff Demokratie wurde im Römischen Reich auf eigentümliche Weise gelebt, ging aber mit dem Reich fast unter. Werfen wir einen Blick in die Schweiz, dann sehen wir ihn dort praktisch bis heute erhalten. Demokratien waren schon lange vor der Prägung des Begriffs und auch später völlig normale Gesellschsftsformen. Gruppen und Stämme haben sich zu größeren Verbänden vereint, ohne ihre Eigenarten aufzugeben, die außerhalb des gemeinsamen Nenners lagen. Bei den Germanen wie bei den Slawen oder Indianern und vielen anderen Völkern.

Was ist eigentlich Demokratie?

Wer hat bei dieser Frage nicht sofort an „Herrschaft des Volkes“ gedacht? Diese Definition ist wohl jedem geläufig. Wenn das Volk wählen darf wird uns das als Demokratie erklärt. Was aber passiert, wenn wir kritisch sind und uns eine eigene Meinung zu bilden versuchen?

Da stoßen wir zuerst auf eine kleine Ungereimtheit. Denn eigentlich sollte „Herrschaft des Volkes“ doch keine Definition sein, sondern eine Übersetzung. Der altgriechische Ausdruck Δημοκρατία (Demokratia) wird uns als Zusammensetzung aus δῆμος (dēmos, Volk) und κρατία (kratía, Herrschaft) erklärt. Es gibt nur ein kleines, aber entscheidendes Problem dabei. Denn δῆμος heißt nicht Volk, sondern Dorf oder Gemeinde. Der Übersetzer von Google nennt es derzeit auch Städte. Dieser kleine Unterschied in der Übersetzung offenbart aber den gravierenden Unterschied in der Bedeutung.

Demokratie bedeutet im eigentlichen Sinne, dass die Menschen, die in der unmittelbaren Gemeinschaft eines Dorfes zusammenleben, ihr Zusammenleben und die dafür notwendigen Regeln bestimmen. Dazu können sie sich natürlich auch mit anderen Dörfern zu Gemeinden zusammenschließen. Sie können sich zu Kreisen, Bezirken, Ländereien oder Staaten zusammenschließen. Und im Idealfall zur Bevölkerung des Planeten Erde. Aber immer auf der Basis eines gemeinsamen Nenners, der aus den einzelnen Gemeinden erwächst.

Ein König, Ritter oder Burgherr konnte die Regeln für seine Untertanen bestimmen, die im Schutz der Burg als Bürger lebten. Eine Demokratie war das aber nicht. Dieses Manko konnte mit Städteparlamenten korrigiert werden, die in den alle betreffenden Fragen dem Monarchen gleichgestellt waren. Mit der eigentlichen Demokratie hat auch eine Demokratie nach neuer Definition wenig zu tun, in der Parteien die Regeln bestimmen. Und noch weniger in einer Gesellschaft, in der einige Parteien bestimmen, welche andere Parteien überhaupt zur Wahl zugelassen werden. Das geht direkt in eine Parteiendiktatur über.

Wirklich verändert wurde der Begriff erst mit dem Zerfall der Monarchien in Europa. Gab es vorher den in sich mehr oder weniger abgegrenzten Hof auf der einen und das gemeinsam lebende Volk auf der anderen Seite, kam es vor allem mit der Industrialisierung zu einer starken, vom Geld bestimmten Trennung zwischen den bürgerlichen Kapitalisten und der neuen, der Arbeiterklasse. Auch das Selbstverständnis als Nationen rückte in dieser Zeit stärker ins Bewusstsein der Menschen. Demokratie wurde als Symbol der Freiheit diesem Nationenverständnis untergeordnet. Tatsächlich bleib das Mitspracherecht aber auf den Adel und das reiche Bürgertum beschränkt. Gehörte der Herr zur gleichen Nation, sah man das als gerechtfertigt an. Vor allem, da mit dieser Herrschaft auch immer die Verantwortung für die Untertanen verbunden war.

Erst der Sozialismus nach Karl Marx („Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“) hat der wirklichen Demokratie den Boden entzogen. Die Gruppenzugehörigkeit wurde von Dorf, Region oder Land weggeführt, die Grenzen verwaschen. Unter dem Deckmantel der Demokratie sollte eine Diktatur (des – internationalen – Proletariats) errichtet werden. Diesem internationalistischen Sozialismus haben die deutschen Faschisten einen nationalistischen Sozialismus unter Federführung des linken Propagandisten Joseph Goebbels entgegenzusetzen versucht. Mit Demokratie hatten beide Richtungen nur noch das Wort gemeinsam, aber nicht mehr dessen Bedeutung.

Es liegt an uns, ob wir die uns eingetrichterte Definition „Herrschaft des Volkes“ als Demokratie hinnehmen und uns die eigentliche Demokratie als eine mit Attribut versehene Sonderform „direkte Demokratie“ erklären lassen, oder ob wir der Parteiendiktatur den Schafspelz „Demokratie“ abreißen, um den Wolf „Diktatur“ darunter sichtbar zu machen.

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