Aktueller Journalismus 7

Immer wieder stellt sich die Frage, ob manche Mitglieder der schreibenden Zunft nicht besser mit dem Lesen und Verstehen anfangen sollten, bevor sie schreiben. Dass Lektoren eingespart werden, zeigt sich an den vielen sprachlichen Patzern in unserer Presse. Meldungen möglichst schnell zu veröffentlichen ist wichtiger als die Sprachpflege. 

Boulevardblätter stellen gemäß ihrer Zielgruppe ohnehin geringere Anforderungen an ihre Texte. Da sind reißerische Überschriften wichtig, um über die Ansprache der niederen Instinkte auf der emotionalen Ebene zum Lesen zu animieren. Ein solches Beispiel lieferte am Wochenende der Focus in seiner Online-Ausgabe.

Ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn hatte den Anzeigetext an S-Bahn-Haltestellen im Raum Stuttgart um den Hinweis ergänzt, dass wegen des Cannstatter Wasens mit „Verspätungen, überfüllten Zügen und verhaltensgestörten Personen zu rechnen“ sei. Ganz im Stil eines Boulevardblattes titelte das Online-Portal des Focus:

Bahn nennt die Wasen-Besucher „verhaltensgestört“

Bahn warnt vor 'verhaltensgestörten Personen'
(Foto: Wasen Free Youth / Facebook)

Was daran ist wahr? Nur die verwendete Vokabel. Nicht aber der für die reißerische Schlagzeile konstruierte Zusammenhang. Der Mitarbeiter der Bahn hat nicht die Wasen-Besucher als verhaltensgestört bezeichnet, sondern davor gewarnt, dass einige es sein könnten. Er hat auch nicht behauptet, dass die Züge verspätet und überfüllt seien, sondern auch da nur auf die Möglichkeit hingewiesen. Aber dieser Teil des Anzeigetextes interessiert ohnehin niemanden.

In unserer politisch korrekt weichgespülten Gesellschaft ist Tacheles nicht mehr erwünscht. Was uns nicht gefällt, wird nicht korrigiert, sondern soll einfach nicht angesprochen werden. Der Bahn-Mitarbeiter musste zu Kreuze kriechen. Allerdings hat seine Aktion auch eine Welle der Sympathie und Solidarität mit ihm entfacht bis hin zu einem Jobangebot für den Fall seiner Entlassung. Offenbar sind noch nicht alle Menschen so abgestumpft wie sie sein sollten. Auch wenn vor allem bei jungen Leuten diese Erziehung durchaus schon Früchte trägt, wie einige Kommentare in sozialen Netzen zeigen.

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