Das Dilemma des Zauberlehrlings

Die aktuellen Pressemeldungen über die Innenpolitik der Bundesrepublik zeigen einen literarischen Bezug. Ganz sicher nicht gewollt, von manchen Leuten nicht bemerkt, aber doch deutlich erkennbar. Goethes „Zauberlehrling“, eine Ballade in sieben Strophen, hat eine moderne Form bekommen. Die natürlich nicht gleichgeschaltete Presse zeigt unisono das Bild des aktuellen Zauberlehrlings, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Und so zieht sich die Parallele zu Goethes Werk durch die deutsche Geschichte von Bismarck bis Merkel.

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.

Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich und den Brauch
Und mit Geistesstärke
Tu’ ich Wunder auch!

Am 1. April des kommenden Jahres wäre der 200. Geburtstag des „alten Hexenmeisters“. Otto von Bismarck, Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes und nach der maßgeblich von ihm vorangetriebenen Einigung mit den süddeutschen Ländern erster Kanzler des Deutschen Reiches ab 1871. Seine straffe und von Disziplin geprägte Innenpolitik verschaffte ihm den Beinamen „Eiserner Kanzler“. Die Außenpolitik Bismarcks war vom Versuch geprägt, ein Gleichgewicht der Kräfte in Europa herzustellen. Zu den größten sozialen Errungenschaften für die Menschen im Deutschen Reich gehörte das von Bismarck ausgearbeitete Sozialversicherungssystem. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, sagt der Volksmund dazu.

Bismarck hielt den dritten Kaiser, Wilhelm II., für zu jung und unerfahren. Es kam zum Zerwürfnis und der Reichskanzler reichte am 18. März 1890 sein Rücktrittsgesuch ein. Er selbst war auch zunehmend verbittert und hart geworden. Wie zutreffend die Einschätzung des alten Hexenmeisters über den Kaiser war, zeigten die folgenden Jahre. Ein Kanzler nach dem anderen trat zurück oder wurde entlassen und 1914 landete das Deutsche Reich trotz aller hektischen Bemühungen, den Frieden zu erhalten, im Ersten Weltkrieg.

Nach dem Ersten Weltkrieg folgte das zweite Deutsche Reich, die Weimarer Republik. Der Kaiser dankte ab, Reichskanzler Prinz Max von Baden übergab das Amt an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Die Jahre der Weimarer Republik waren geprägt von den Folgen des Krieges und des Versailler „Friedens“, der Diktatur der Alliierten. Mit den Nationalsozialisten begann eine neue Ära. Das Dritte Reich war geprägt von der Befreiung aus der Fremdbestimmung. Der Sozialismus nach Marx mit der trennenden Lehre von der Klassengesellschaft wurde durch die verbindende Lehre von der Volksgemeinschaft ersetzt. Aus Marx‘ international gedachtem Sozialismus („Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“) wurde ein national gedachter Sozialismus. Und wieder endete das Deutsche Reich im Krieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die Besatzung. Deutschland sollte vom Nationalsozialismus gereinigt werden, bevor man es wieder in die Freiheit entließ. Die NSDAP wurde am 10. Oktober 1945 verboten. Die Besatzungsmächte ließen eine neue Partei zu, die am 26. Juni 1945 gegründete CDU als die neue „große sozialistische deutsche Volkspartei“. Heute will man davon nichts mehr wissen. Die Plakate von damals will man heute nicht mehr kennen oder schreibt sie der Ost-CDU zu. Lange vor der staatlichen Teilung? Egal. Das „Ahlener Programm“ der CDU inklusive seiner Forderung nach Vergesellschaftung der Großindustrie wird am besten nicht mehr erwähnt.

Damit begann auch die Zeit der Zauberlehrlinge. Der Aufbau von Goethes Werk ist folgender:

  1. Überheblichkeit und Wichtigtuerei
  2. Umsetzung des Vorhabens
  3. Machtrausch
  4. Angst und Verzweiflung
  5. Hilfloses Schimpfen
  6. Verzweiflungstat
  7. Hilferuf
  8. Rettung durch den Zaubermeister

Unter dem ersten Bundeskanzler, Konrad Adenauer (CDU), kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Unter dem Eindruck des „Wirtschaftswunders“ wurde Bismarcks Rentensystem umgebaut. Aus der Ansparrente wurde eine Umlagerente. Seitdem entscheidet über die Höhe der Rentenzahlung im Alter nicht mehr, wieviel man in seinen leistungsfähigen Jahren angespart hat, sondern wie leistungsfähig die Volkswirtschaft gerade ist.

Wahlplakat der CDU Wahlplakat der CDU

Unter dem sechsten Bundeskanzler, Helmut Kohl (CDU), wurde das Ziel der Wiedervereinigung aufgegeben. Oder war das schon lange vorher passiert?

Die Entwicklung in der DDR 1989/90 verlief schneller als die Politiker mithalten konnten. „Wir wollen raus!“ hallte es auf den Straßen in der DDR. „Wir kommen wieder!“ hörten die Grenzposten in der Nacht des ungeplanten Mauerfalls. Zwei deutsche Staaten mit deutlichen Unterschieden in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit hätten nach einem Entwicklungsschhub in der DDR vereinigt werden können. Aber Kohl wollte wohl nicht nur „Kanzler des Euro“ werden, sondern auch „Kanzler der Einheit“. Und so wurde mit heißer Nadel gestrickt. Die DDR wurde in fünf Länder umstrukturiert und aufgelöst. Diese fünf Länder traten dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei und wurden damit wie schon 1957 das Saarland Bestandteil der Bundesrepublik. Die übrigen Teile der sowjetischen (heute russischen) Besatzungszone ließ man vorerst weg. Dieser Zustand wurde wenig später zementiert, in dem der eingrenzende Geltungsbereich im Artikel 23 des Grundgesetzes gestrichen wurde. Die Bundesrepublik bleibt auf ihre Grenzen von 1990 beschränkt. Das einstige Ziel, die Wiedervereinigung Deutschlands, soll vergessen werden.

Unter dem siebenten Bundeskanzler, Gerhard Schröder (SPD), wurde das Sozialsystem erneut umgebaut. Die Vorarbeit von Peter Hartz wurde dabei so stark verändert, dass er selbst sich von Teilen distanzierte. Mehr Menschen bekommen seitdem weniger soziale Unterstützung.

Ebenfalls in diese Zeit fielen Kriegseinsätze der Bundeswehr. Als Mitglied der NATO und mit einem UN-Mandat versehen, mussten deutsche Soldaten in fremde Kriege ziehen, um zu schlichten. Deutsche Waffen waren schon dort.

Nach einem Treffen bei den „Bilderbergern“ in Rottach-Egern verblüfften die Zauberlehrlinge uns etwas. Edmund Stoiber hörte plötzlich auf, sich mit Angela Merkel um die Kanzlerkandidatur der Union zu zanken. Gerhard Schröder stellte mal wieder die Vertrauensfrage, hatte aber bessere Chancen als zuvor, sie zu verlieren. Und so wurde vorfristig der Schlagbaum gehoben für…

die achte Bundeskanzlerin, Angela Merkel (CDU). Die Perle aus der Uckermark, Kohls „Mädchen“, mauserte sich zu einer neuen politischen Leitfigur nicht nur für den wiedervereinten Teil Deutschlands, sondern darüber hinaus für Europa und sogar die Welt. Hatte sich Schröder nur für einen deutschen Konzern stark gemacht, um die Insolvenz der Philipp Holzmann AG zu verhindern, machte sich Merkel stark für fremde Banken und half so, nach dem Testballon Zypern auch Griechenland an internationale Banken zu verkaufen.

So gelangten Investitionen aus den USA auf den Inselstaat im Mittelmeer. Die US-amerikanische Investorengesellschaft Rosemont Seneca gründete in Limassol an Zyperns Südküste die Burisma Holdings. Das britische PR-Unternehmen Bell Pottinger übernahm die Öffentlichkeitsarbeit. Ziel dieses internationalen Unternehmens ist es, in der Ukraine Erdgas zu gewinnen. Genauer gesagt: Burisma soll in der Ostukraine Schiefergas durch Fracking fördern, damit Rosemont Seneca seinen Anlegern satte Gewinne auszahlen kann.

Die innenpolitischen Probleme bleiben weitgehend unbeachtet. Während die Bundesregierung im „Zauberlehrling“ noch bei Punkt 3 steht, ist die Bevölkerung schon bei Punkt 4 angekommen. Angst und Verzweiflung machen sich breit. Außer einer immer kleiner werdenden nicht informierten Gruppe, die einfach auf die Staatspropaganda reagiert, erkennen die übrigen die wachsenden Gefahren für die heimische Wirtschaft, die Währung, nach der wir sowieso nicht gefragt wurden, die allgemeinen Lebensumstände und vor allem für den Frieden.

Während in einer bunten Mischung aus Marx und Murks Gewinne privatisiert werden und Verluste sozialisiert, Proletarier und Nichtproletarier aller Länder vereint in der Bundesrepublik leben sollen, und die Regierung für alle sozialen Folgen keinerlei Konzept vorzuweisen hat außer die Kosten auf die Kommunen umzulegen, wachsen Ängste. Sie mögen zum Teil irrational sein. Aber sie sind vorhanden. Aber man kann ja gleich zu Punkt 5 übergehen, dem hilflosen Schimpfen.

Da wird erst einmal auf Russland geschimpft. Die EU und die USA haben die Investitionen in der Ukraine zu sichern. Der Präsident wollte nicht ganz so, wie sie wollen. Er hat das fast fertige Assoziierungsabkommen auf Eis gelegt, um die Beziehungen der Ukraine zu Russland auf eine ähnliche Stufe zu heben, bevor er unterzeichnet. Janukowytsch wollte eine Wirtschaftsbrücke zwischen den Systemen, er musste aus dem Weg. Dafür hat man – und hier zählt zu „man“ auch die Bundesregierung – die faschistischen Kräfte der Ukraine gestärkt. Das Chaos in dem ohnehin schwachen Land, das seit seiner Gründung 1991 nur die Korruption ausbauen konnte, wurde weiter perfektioniert. Die Schuld aber, die wird Russland zugeschoben. Die NATO führt gemeinsame Manöver mit dem Nichtmitglied Ukraine durch. Aber Russland wird als Aggressor dargestellt. Der Westen bringt angeblich der Welt Demokratie bei. Aber ein demokratisches Wahlergebnis ignoriert er und verweist stattdessen auf undemokratische Vorgänge in Russland.

Und im eigenen Land? Die Bundesrepublik nimmt deutlich mehr Flüchtlinge auf als die anderen Länder Europas. Asylanträge werden gründlich, sehr gründlich, schleppend gründlich bearbeitet. Werden sie abgelehnt, passiert meistens auch nichts. Bei den Flüchtlingen kann man auch nicht wählerisch sein. Und so kommen in unserem Land vom Leid gezeichnete Menschen zusammen, die in ihrer Heimat gegeneinander gekämpft haben. Einige kämpfen hier weiter. Vor unseren Augen in unserer direkten Nachbarschaft. Und die Bundesregierung hat dafür keinen Plan. Die Bevölkerung auch nicht. Denn alle Versuche, mit dem Problem fertigzuwerden, werden eiskalt erschlagen mit dem Argument der Ausländerfeindlichkeit.

Inländerfeindlichkeit ist dagegen völlig legitim. „Deutschland verrecke“ skandiert die von den Systemparteien dirigierte „Antifa“. Allein deren Bezeichnung ist ein Hohn. Denn was Faschismus ist, definieren sie einfach selbst. Und dann gehen sie mit Gewalt gegen Andersdenkende vor. Mit stolzer Brust, weil sie doch Gutes tun. Dass gerade sie in direkter Linie zur SA stehen, zur Sturmabteilung der NSDAP, sehen sie natürlich nicht. Lassen sich ihre erklärten Feinde nicht auf den Straßenkampf ein, haben sie auf alle Fälle noch als Notnagel die Polizei, die sie als „Verteidiger der Banken“ verprügeln können. Und die Bundesregierung hat dafür keinen Plan. Oder ist gerade das ihr Plan?

Endlich will die Regierung mal etwas zum Schutz der eigenen Bevölkerung tun. Bundesinnenminister Thomas de Maizière will prüfen lassen, welche neuen Maßnahmen kurzfristig gegen Aktivitäten des IS in der Bundesrepublik möglich seien. Das Vereinsgesetz soll entsprechend angepasst werden. Vereinigungen des IS sollen damit verboten werden können, genau so das Tragen ihrer Symbole. War das schon alles?

Solche Beruhigungsworte verfehlen ihre Wirkung. Die Bevölkerung macht mehr Druck. Menschen gehen auf die Straße. Erst die Hooligans, dann die Patrioten. Jetzt endlich hat die Bundesregierung einen Plan! Sie holt aus zu Punkt 6 der Gliederung bei Goethes „Zauberlehrling“. Um die NPD ist es ja etwas ruhig geworden. Die AfD springt auch nicht so recht auf die Vorwürfe an. Der NSU-Prozess liefert eher Stoff, von dem man ablenken möchte. Was macht man da mit den ganzen V-Leuten? Die Medienkampagne gegen die eigene Bevölkerung, mit der ihre Ängste nicht aufgegriffen, sondern kriminalisiert werden sollen, kommt in Gang.

Es gibt einen eisernen Grundsatz:

Wenn unter hunderten Moslems ein Islamist ist, sind sie Moslems.
Wenn unter hunderten Menschen ein Neonazi ist, sind sie Neonazis.

So einfach das Prinzip auch ist, es funktioniert gut in der staatlichen Propaganda. Allerdings hat die Bundesregierung auch diese Rechnung ohne ihren Wirt gemacht, ohne ihre Bevölkerung. Da haben die Parteien mit viel Aufwand Gegendemonstrationen auf die Beine gestellt. Luftballons für die Demonstranten in der Nacht. Aber irgendwie will es nicht gelingen, die Spaltung der Bevölkerung voranzutreiben. Obwohl links-grüne Politprominenz engagiert wurde, schwinden die Teilnehmerzahlen bei den Gegendemonstranten, während sie bei den Demonstranten wachsen.

Die propagandistische Totschlagkeule ist durch den vielen Gebrauch abgestumpft. Die Antwort: „Wir sind alle rechts, na und?“ Wer will denn auch noch links und planlos sein?

Trotzdem, oder gerade deshalb, sollten wir aufpassen. Denn noch sind zwei Gliederungspunkte des „Zauberlehrlings“ offen. Wen wird die Bundesregierung zu Hilfe rufen, welcher Zaubermeister soll die Rettung bringen? Auch wenn es ganz sicher nicht geeignet ist, Ängste aufzulösen, springe ich rund 65 Jahre weiter zu Wilhelm Busch:

Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich auf das Ende sehe!!

Advertisements

Ein Gedanke zu „Das Dilemma des Zauberlehrlings

  1. Pingback: Politik auf eigenen Füßen | Gedacht und nachgedacht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s