Europa sorgt sich um Russland. Wirklich um Russland?

Der deutsche Blätterwald titelt heute, dass sich Europa um Russland sorge. Es ist besonders der Verfall des Rubel, der den westlichen Ökonomen Sorge bereitet. Dabei sind die Aussagen der Presse wie üblich sehr ungenau. Nicht nur bezüglich der Form. Europa ist eben nicht die EU, sondern doch noch etwas größer. Und Sorgen machen sich vor allem diejenigen, die jetzt den Bumerang-Effekt der eigenen Taten fürchten. Vor allem aber sorgen sie sich nicht wirklich um Russland, sondern um sich selbst. Denn sie behindern sich. Der Kopf will nicht zulassen, dass die Hand, in der sie die Lösung haben, diese auch einsetzt.

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Boomerang“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Die EU-Kommission ist besorgt, dass Russland in eine tiefe Rezession stürzen könne. Das Bundesaußenministerium läßt verlauten, dass man sich vor eine Verhärtung der diplomatischen Fronten fürchte.

Tatsächlich betroffen sind ausländische Firmen in Russland, aber auch Unternehmen, die mit Russland enge wirtschaftliche Beziehungen haben. Vor allem bezüglich der Lieferung von Rohstoffen. Durch den Fall des Rubel-Kurses sind in Russland erwirtschaftete Gewinne weniger wert. Produkte, die für den russischen Markt hergestellt wurden, werden dort aus dem gleichen Grund so teuer, dass die Nachfrage einbricht und ganz zusammenbrechen könnte. Zwar sind die von Russland gelieferten Rohstoffe durch den Kursrutsch sehr billig geworden. Aber das nützt nur in dem Umfang, wie man sie zu verkaufbaren Produkten verarbeiten kann.

Die EU wie die Bundesregierung weisen gleichzeitig jede Schuld von sich und befürchten, dass Russland sie ihnen zuschieben könne. Also holen Brüssel und Berlin gleich zum Präventivschlag aus: Putin ist der Bösewicht.

So ganz Unrecht haben sie dabei gar nicht, wenn man sich das Szenario aus ihrem Blickwinkel betrachtet. Monatelang haben sie versucht, Putin an ihre Kandarre zu nehmen. Was sonst überall funktioniert und schon viele Politiker hat einknicken lassen, läßt diesen aber kalt. Und Mühe gegeben haben sie sich wie selten. Was wurde nicht alles Putin in die Schuhe geschoben. Annexion der Krim, Invasion in der Ukraine, Abschuss des Fluges MH-17, Bedrohung des Baltikums. Sie haben Sanktionen verhängt und immer neue Behauptungen aufgestellt. Immer in der Hoffnung, dass der russische Präsident endlich klein beigeben würde. Und er will einfach nicht kuschen.

Nun zeigt es sich, dass ausgerechnet dieser „Bösewicht“ Recht behalten sollte, als er schon Anfang August darauf hinwies, dass der Westen sich mit den Sanktionen selbst schaden würde. Natürlich schadet es auch Russland. Daran sollte kein Zweifel aufkommen. Aber es kommt auf den längeren Atem an. Könnte Russland im Extremfall isoliert überleben? Ganz sicher. Könnte Euramerika ohne Russland überleben? Sehr wahrscheinlich. Es müsste nur seine Wirtschaft entscheidend ändern. Ohne russische Rohstoffe und mit dem angespannten Verhältnis zu vielen Staaten des erdölreichen Orients wird es schwierig. Überhaupt ist die auf Massenkonsum ausgerichtete westliche Wirtschaft sehr anfällig beim Wegbrechen eines Marktes. Nicht ohne Grund setzt sie so stark auf Globalisierung. Das russische Volk dagegen hat sich seit jeher als sehr leidensfähig gezeigt. Davon zeugen unter anderem die klassische russischen Literatur und die tiefe Melancholie vieler Volkslieder. Die auf der anderen Seite notwendige Lebensfreude erwächst gerade aus diesem Tal der Trauer.

Die Sanktionen streichen würde bedeuten, dass die Kette von der Tür genommen würde, durch die Russland mit der internationalen Wirtschaft verbunden ist. Die Sanktionen streichen würde aber auch bedeuten, die eigene Schwäche zuzugeben. Um das zu verhindern, sollen die Sanktionen sogar verlängert werden. Man will Stärke zeigen. Wem eigentlich?

„Das eigentliche Problem Moskaus ist der dramatische Vertrauensverlust in die Politik Russlands“, zitiert die Süddeutsche Zeitung einen nicht näher genannten „hochrangigen Beamten“. Auch das zu ändern, hätte die EU in der Hand. Die antirussische Medienkampagne im westlichen Journalismus ist zwar sehr massiv. Aber sie wirkt doch nur bei wenigen. Die übrigen fragen nach Belegen für die vielen Behauptungen, bekommen sie aber nicht. Vor allem die süd- und osteuropäischen EU-Mitglieder tun sich auch immer schwerer mit den Sanktionen. Ihre Kooperationen aus der Zeit als Mitglieder des RGW leiden besonders darunter. Wie das Vertrauen in die Politik Russlands in Russland selbst ist, hat dieses Blatt gerade erst berichtet. Der Vertrauensverlust in die Moskauer Politik ist also bei denen besonders dramatisch, die ihn selbst beschwören. Das werden sie aber nie zugeben. Jetzt versuchen sie, die dramatischen Folgen ihrer Sanktionspolitik wenigstens im Nachbarland Ukraine zu lindern. Dazu brauchen sie nicht Worte, sondern vor allem Geld.

Wenn die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland die Wirtschaft der EU-Staaten stärker beeinträchtigen, wird es allerdings auch mit dem Geld nicht so einfach. Denn die Steuern im Ausgleich zu erhöhen, könnte zu allem Übel auch noch den Unmut der eigenen Bevölkerungen nach sich ziehen.

Man kann es drehen und wenden wie man will. Der Bumerang fliegt bereits.

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