In den Fängen des Steinadlers

In der Sowjetunion wurde 1988 eine mobile Sondereinheit der Polizei eingerichtet, die direkt dem Innenministerium unterstellt war. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Terrorbekämpfung. Nach dem Zusammenbruch des Großreiches wurde diese OMON-Einheit (Отряд мобильный особого назначения / Mobile Einheit besonderer Bestimmung) in den Regionen der ehemaligen Sowjetrepubliken und neuen Nationalstaaten deren Sicherheitsbehörden unterstellt. In der Ukraine wurden daraus die Berkut-Einheiten (Беркут / Steinadler), die in jeder Oblast-Hauptstadt stationiert waren. Bei den Protesten auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew, auch bekannt als „Euromaidan„, zeigte der ukrainische „Steinadler“ sein wahres Gesicht. Die gut ausgerüsteten Berkut-Einheiten sind für gewaltsame Einsätze gegen Demonstranten und für viele Todesopfer verantwortlich. Aus Angst vor der Verantwortung und fehlender Rückendeckung aus der Politik zogen sie sich noch während der Verhandlungen zwischen der Regierung Janukowytsch und der Opposition zurück und lösten sich auf.

Berkut emblem.png
Berkut emblem“ von Коротенко Р. И. – http://ru.wikipedia.org/wiki/Файл: Emblema_berkut.jpg. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Angelehnt an diesen historischen Hintergrund entstand in der Ostukraine eine Gruppe, die sich Cyper-Berkut nennt. Wie der Name schon vermuten lässt, ist ihre Waffe der Computer, ihr Operationsgebiet das Internet. Mit der Parole „Wir werden nicht vergessen. Wir werden nicht vergeben.“ führt die Gruppe Angriffe gegen Netzwerke und Geräte ukrainischer und westlicher Staatsorgane durch.

So gelang es ihr, während eines zweitägigen Aufenthalts von Jo Biden in Kiew auf ein mobiles Gerät, also ein Smartphone oder ein Laptop, eines Mitglieds seiner Delegation zuzugreifen und illegal ein Dokument sicherzustellen, in dem die militärische Zusammenarbeit des Nicht-NATO-Mitglieds Ukraine mit dem Europäischen Kommando der USA bestätigt und um die finanzielle Unterstützung des gemeinsamen Manövers vom 13. bis 28. September 2014 durch die U.S. Air Force in Höhe von 548.880 UAH (ca. 28.000 EUR) gebeten wurde.

Am 07. Januar 2015 machte die Gruppe erneut von sich reden, indem sie durch DDoS-Angriffe die Webserver des Bundestages und der Kanzlerin der Bundesrepublik außer Betrieb setzte. Bei DDoS-Angriffen ist das Ziel nicht der Einbruch in die Systeme oder der Datendiebstahl, sondern durch „Distributed Denial of Service“ den Webservern plötzlich so viele gleichzeitige Anfragen zu schicken, dass sie diese nicht ausreichend schnell abarbeiten können und praktisch zusammenbrechen. Anders als vielfach in der Presse dargestellt, handelt es sich bei DoS- und DDoS-Attacken nicht um Hacker-Angriffe.

Die Gruppe Cyber-Berkut machte mit dieser medienwirksamen Aktion darauf aufmerksam, dass die ukrainische Regierung einen weiteren milliardenschweren Kredit bei der EU und dem IWF beantragen möchte, um den Bürgerkrieg um die Ostukraine fortführen zu können. Im Text auf der Internetseite der Gruppe heißt es:

Am 15. Februar 2015 möchte die Regierung der Ukraine über das nationale Budget beraten. Premierminister Arseniy Yatsenyuk hofft, Kredite über mehrere Milliarden bei der EU und dem IWF aufzunehmen. Es ist offensichtlich, wie das Geld verschwendet werden soll. Yatsenyuk braucht Geld für die Verlängerung des Krieges und nicht für die Wiederherstellung der zusammengebrochenen Infrastruktur in unserem Land. Dieser Krieg hat bereits tausende Leben genommen und Yatsenyuk wird für euer Geld weiter morden.

Deshalb apellieren wir an alle Menschen und die Regierung von Deutschland, die finanzielle und politische Unterstützung des kriminellen Regimes in Kiew zu stoppen, das einen blutigen Bürgerkrieg losgetreten hat.

Wir sind CyberBerkut! Wir werden nicht vergessen! Wir werden nicht verzeihen!

Die russischen Provokateure werden in der deutschen Presse wie üblich nicht als Russen, sondern als „pro-russische Ukrainer“ bezeichnet. Die Antwort der Bundesregierung ließ nicht lange auf sich warten. Bereits am gleichen Tag gab „der deutsche Staat“ der Ukraine eine Kreditgarantie über eine halbe Milliarde Euro. Die offizielle Erklärung des Bundes-Wirtschaftsministeriums, „diese Garantien dienen der Absicherung eines Kredits zur Finanzierung von Vorhaben für den Wiederaufbau in der Ostukraine“, scheint auf den ersten Blick die Behauptungen von Cyber-Berkut zu widerlegen. Aber es wurde im weiteren auch erklärt, dass die vom Staatssekretär Matthias Machnig für die deutsche Seite unterzeichnete entsprechende politische Vereinbarung „die politischen Eckpunkte des von Bundeskanzlerin Merkel Anfang August in Aussicht gestellten ungebundenen Finanzkredits“ regele. Der Kredit ist damit garantiert. Wofür das Geld verwendet wird und welche Banken es geben, spielt bisher keine Rolle. Es wurde nur abgesichert, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik dafür haften muss. Denn nichts anderes heißt eine Kreditgarantie des deutschen Staates.

Aber nicht nur die Menschen in der Bundesrepublik sind damit in die Pflicht genommen. Kredite der Banken sind niemals Geschenke. In aller Regel sind sie zurückzuzahlen. Und darüber hinaus zu verzinsen. Das bedeutet, dass auch die Menschen in der Ukraine für diese Kredite geradestehen müssen. Beziehungsweise den Buckel dafür krumm machen müssen. Denn sie sind es, die dann die Kreditlast und die Zinstilgung zu erwirtschaften haben.

Advertisements

3 Gedanken zu „In den Fängen des Steinadlers

  1. Pingback: Aktueller Journalismus 9 | Gedacht und nachgedacht

  2. Pingback: Mit dem Rücken zur Wand fällt man nur nach vorn um – auf die Nase | Gedacht und nachgedacht

  3. Pingback: Politik auf eigenen Füßen | Gedacht und nachgedacht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s