Ideologie auf der Überholspur

Nun ist es offiziell: Lügenpresse ist das „Unwort des jahres“ 2014. Das hat gesessen! Die Reaktionen in der selbstverständlich überhaupt nicht gleichgeschalteten Presse sind wie üblich einhellig. Da lohnt sich ein Blick darauf. Trifft das Wort, oder besser: Unwort, tatsächlich zu? Oder wird es mit der Deklaration als Unwort endlich in die richtige Ecke gestellt?

Hier einige Ausschnitte aus den Reaktionen.

Reuters:

Der von Anhängern der Anti-Islam-Bewegung Pegida verwendete Begriff „Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres 2014.

Augsburger Allgemeine:

LÜGENPRESSE: Der Begriff war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig, gehörte später auch zum gängigen Vokabular der Nationalsozialisten. Als »Lügenpresse» wurden Medien verunglimpft, die als unpatriotisch galten und die nationale Interessen – also im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung – angeblich zu wenig vertraten. Der Begriff wurde aber nicht nur von den Nationalsozialisten gebraucht. Auch in der DDR und anderen sozialistischen Ländern war das Wort von der »westlichen Lügenpresse», die sich kritisch mit Vorgängen in diesen Ländern auseinandersetzte, geläufig.

VOLKSVERRÄTER: Der Volksverrat wurde als Straftatbestand im Nationalsozialismus eingeführt. Der heutige Gebrauch des Wortes Volksverräter zielt darauf ab, die gewählten Volksvertreter als Verräter an »ihrem» Volk zu bezeichnen. Dabei wird auch klar zwischen Deutschen und Nichtdeutschen unterschieden. Vor den Nazis gab es einen vergleichbaren Straftatbestand, den Landesverrat. Erst mit dem Wort Volksverrat ergibt sich der Bezug zum Völkisch-Nationalen.

Huffington Post:

Sie skandieren „Wir sind das Volk!“, sorgen sich um die Zukunft Deutschlands – und beschimpfen Teile der Medien als „Lügenpresse“: Viele Pegida-Anhänger stört offenbar nicht nur die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes, sondern auch das, was Journalisten dieser Tage über ihre Bewegung schreiben.

Handelsblatt:

Das einst vom nationalsozialistischen Propaganda-Minister Joseph Goebbels popularisierte Wort der „Lügenpresse“ ist an sich nichts Neues. Es gehört seit Jahren zum Standortrepertoire von Rechtsextremisten in Europa, die seit jeher mit dem Recht auf freie Berichterstattung auf Kriegsfuß stehen. Neu ist, dass diese geistige Brandstiftung in Deutschland kein Außenseiterphänomen irgendwelcher Radikalinskis mehr ist, sondern gerade dabei ist, massentauglich zu werden.

Dieses „Unwort des Jahres“ gibt es seit 1991. Es wird an der Technischen Universität Darmstadt von einer Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten gewählt, die Sprachkritik auch außerhalb der Universität für relevant halten. Dazu kommt im jährlichen Wechsel ein sprachinteressiertes Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes. Es gibt klare Grundsätze für die Wahl des „Unworts des Jahres“. Die Jury lenkt damit

… den sprachkritischen Blick auf Wörter und Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen, zum Beispiel:

  • weil sie gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen (z. B. Geschwätz des Augenblicks für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche),
  • weil sie gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen (z. B. alternativlos als Haltung/Position in der politischen Diskussion, um eine solche zu vermeiden und sich der Argumentationspflicht zu entziehen),
  • weil sie einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren (z. B. durch unangemessene Vereinfachung oder Pauschalverurteilung, wie etwa Wohlstandsmüll als Umschreibung für arbeitsunwillige ebenso wie arbeitsunfähige Menschen),
  • weil sie euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind (z. B. freiwillige Ausreise als Behördenterminus für die nur bedingt oder gar nicht freiwillige Rückkehr von Asylbewerbern in ihre Heimatländer aus Abschiebehaftanstalten).

 

Am 10. Januar meldete der „Stern„:

Pegida als „Unwort des Jahres 2014“ vorgeschlagen

„Pegida“ lag mit 44 Vorschlägen auf Platz 2 der Kandidatenliste hinter „Putin-Versteher“ (60) und vor „Social Freezing“ (29). Insgesamt waren 1246 Einsendungen mit 733 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. Allerdings hat die Zahl der Vorschläge keinen Einfluss auf das Ergebnis. „Lügenpresse“ lag also entweder irgendwo weiter hinten oder es war dem „Stern“ zu peinlich, um angeführt zu werden. Immerhin merkte der Autor des Artikel an, dass eine Überraschung möglich ist.

Was aber hat den Ausschlag für „Lügenpresse“ als Unwort gegeben?

Verstößt es gegen die Menschenwürde? Man könnte meinen, dass dieses Kriterium erfüllt sei, weil mit „Lügenpresse“ pauschalisiert wird. Denn die nicht lügenden Journalisten werden nicht ausgeklammert. Die Menschen im Land gezielt und beständig zu belügen, verstößt sicher gegen ihre Würde. Wer hat da sauber unterschieden? Oder fühlt jemand seine Würde verletzt, wenn die Lügen enttarnt werden?

Verstößt es gegen Prinzipien der Demokratie? Die Tatsache einer Lügenpresse ganz sicher. Das Ansprechen einer Tatsache auch?

Werden einzelne gesellschaftliche Gruppen diffamiert? Das mit Sicherheit. Nämlich die lügenden Journalisten. Moment! Diffamieren heißt, Gerüchte verbreiten. Da die Lügen belegt sind, handelt es sich um Tatsachen. Nein, dieses Kriterium kann auch nicht zutreffen.

Ist der Begriff „Lügenpresse“ euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend? Euphemistisch ganz bestimmt nicht. Verschleiernd wohl auch nicht. Eher das Gegenteil. Aber vielleicht irreführend? Das wäre zu beweisen.

Der Juror Stephan Hebel, Journalist der Frankfurter Rundschau, lüftete den Schleier. Die Wahl sollte aus der Dreier-Gruppe „Putin-Versteher“, „erweiterte Verhörmethoden“ und „Pegida“ erfolgen.

Die Begründung für die Unwort-Entscheidung hat denn auch zwei Aspekte: Zum einen wird darauf hingewiesen, dass das Wort „Lügenpresse“ im vergangenen Jahrhundert erst kriegslüsternen Nationalisten (im Ersten Weltkrieg) und dann den Nationalsozialisten als Schlagwort zur Verunglimpfung jeder kritischen Berichterstattung diente – der die Nazis ja in ihrem Herrschaftsbereich entsprechend konsequent den Garaus machten.

Diese „sprachgeschichtliche Aufladung“, wie es in der Jury-Begründung heißt, hätte für ein Unwort allemal schon gereicht. Aber es gibt einen zweiten, höchst aktuellen Aspekt: Die pauschale Diffamierung übertönt nicht nur die Versuche vieler Journalisten, auf Zuwanderung und Religionsstreitigkeiten differenzierter zu schauen, als die selbsternannten Retter des Abendlandes zu tun. Diese Diffamierung übertönt vor allem auch die notwendige Debatte über Fehlentwicklungen in den Medien, die es ja tatsächlich gibt.

Immerhin sieht er die Notwendigkeit einer Debatte über „Fehlentwicklungen in den Medien“. Leider folgt da kein Gedanke darüber, wer dieser Debatte regelmäßig ausweicht.

Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen MedienDer Wikipedia-EintragStändige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien“ wurde am 6. Januar vom Journalisten Maximilian Schönherr ersatzlos gelöscht. Dem war eine kontroverse Diskussion vorausgegangen, die er eingeleitet hatte mit seiner Position:

die agenda des kleinen vereins mag berechtigte punkte abdecken, enzyklopäsche relevanz ergibt sich daraus aber nicht. ich habe zudem den eindruck, dass hier jemand einen verein vorschiebt, der bestimmte argumente in der diskussion zum artikel über die ARD abdeckt. also: löschen.

Es bleibt abzuwarten, ob die enzyklopädische Relevanz des Herrn Schönherr gleichermaßen bewertet wird oder die des Vereins entsprechend aufgewertet wird. Vielleicht durch das „Unwort des Jahres“ 2014.

Es wäre schön, wenn auch die Verantwortlichen bei den Medien Fehlentwicklungen erkennen und bearbeiten würden. Leider sehen sie die Hinweise der Leser und Zuschauer, die durch den Rundfunkbeitrag immerhin die Funktion eines Arbeitgebers haben (wenn auch nicht die eines Auftraggebers), nur als lästig und nervend an. Die Bewertungen reichen von „Shitstorm“ bis zu Vergleichen mit der Juden-Hetze der Nazis, wie die „Krautreporter“ berichteten.

Was bleibt also übrig von der Begründung für das „Unwort des Jahres“ 2014? Es wurde von den Nazis missbraucht! Aber „Wetterbericht“ und „Heimat“ dürfen wir noch sagen. Wann werden das Problembegriffe werden? Österreich klingt auch noch unverfänglich. Deutsches Reich schon weniger.

Oder wäre es klüger gewesen, den Begriff ein wenig abzuwandeln, um das auszudrücken, was mit ihm ausgesagt wird? Lügenmedien wäre der historischen Vorbelastung ganz locker entgangen. Obwohl es natürlich der Demokratie zuträglicher wäre, wenn der Begriff, ob Lügenpresse oder Lügenmedien, einfach durch den Wegfall der Lügen obsolet würde.

Aber davon sind wir offensichtlich mehr als ein Wort weit entfernt. Dazu müssen wir nur die eingangs zitierten Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.

  • Ist Pegida eine „Anti-Islam-Bewegung“, wenn sie zwar den Islam in Deutschland nicht haben möchte, aber den Islam selbst gar nicht bekämpft?
  • Ergibt sich mit „Volksverräter“ wirklich der Bezug zum Völkisch-Nationalen? Kein geringerer als Karl Marx, der sein „Manifest der Kommunistischen Partei“ mit den Worten „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ abschloss, bezeichnete 1848 den französischen Politiker Alphonse de Lamartine als Volksverräter. War Marx Nationalist oder Internationalist? Oder gar beides?
  • Bezieht sich „Lügenpresse“ wirklich nur auf die Berichterstattung über Pegida? Als die Berichterstattung über die Ukraine als journalistische Farce erkennbar wurde, war der Begriff schon längst ein geflügeltes Wort.
  • Stehen die Rechtsextremisten in Europa tatsächlich „seit jeher mit dem Recht auf freie Berichterstattung auf Kriegsfuß“? Sicher können sie die freie Berichterstattung in den Ländern unterbinden, in denen sie an der Macht sind. Was da wären…

Wieder einmal begegnet der ideologisch geprägte Journalismus sich selbst auf der Überholspur der Autobahn. Aber halt! Da war doch auch etwas mit den Nazis.

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Ein Gedanke zu „Ideologie auf der Überholspur

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