Erfurt treibt es bunt

„Erfurt ist bunt – Wir setzen Zeichen“. Unter dieser Überschrift veröffentlichte der Evangelische Kirchenkreis Erfurt am 23. Januar 2015 einen Aufruf. Es lohnt sich, den Text nicht nur zu überfliegen, sondern ihn einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der Kirchenkreis rief damit auf, am Sonnabend, dem 24.01.2015, um 15 Uhr auf dem Domplatz ein Zeichen gegen die Anliegen der Initiativen „Endgame“ und „Pegada“ zu setzen.

Eine offene und freie Gesellschaft haben wir 1989 erkämpfen müssen. Sie muss immer neu verteidigt werden. Sie lebt von Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt.

Offenbar sollen Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt aber davon abhängen, welche Meinung vertreten wird. Die Christen stehen auf und widersprechen,

  • Wenn eine angebliche Amerikanisierung Europas herhalten muss – weil die Islamisierung Thüringens sowieso niemand glauben würde – um eine offene und vielfältige Gesellschaft zu bekämpfen;
View over Erfurt
Church complex“ by Vitold MuratovOwn work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Aha. Die Amerikanisierung gibt es nicht wirklich. Sie wird nur angegeben. Das ist eine Frage der Wahrnehmung. Nachrichten heißen News, Komödien sind Comedies und den Thüringer Gründerpreis gewann die Eisenacher DES Solutions GmbH. Im Erfurter Kindermedienzentrum entwickelt eine Medienagentur interaktive Lern- und Spielanwendungen und trägt auch den passenden Namen: KIDS interactive GmbH. Die Thüringer Initiativen halten vielleicht auch ihren Blick nicht nur auf Thüringen beschränkt, sondern betrachten die ganze Bundesrepublik. Da kommen sie auf gar keinen Fall an einer Bundeskanzlerin vorbei, die ihrem Volk zum neuen Jahr viel „Kraft und Power“ wünscht. Das Programm der deutschen Fernsehsender kann man in TV Movie nachlesen und niemand käme auf die Idee, „FS Film“ dazu zu sagen.

Die Politik der Bundesregierung wird von den USA bestimmt. Sehr gut ist das erkennbar an den Sanktionen gegen Russland, die uns selbst schaden und niemandem nützen. Aber eine Amerikanisierung ist nur angeblich.

  • wenn Werte unseres Grundgesetzes wie die Pressefreiheit in Frage gestellt werden;

Leider haben die Verfasser im Kirchenkreis nicht erwähnt, wer die Werte des Grundgesetzes in Frage stellt. Demonstranten, die keine Interviews geben, oder Journalisten, die uns mit Lügen füttern? Ist die Pressefreiheit dann gefährdet, wenn die Presse zwar die Freiheit hat, offensichtliche Lügen zu verbreiten, aber immer weniger Menschen diese glauben? Und gehört das Verbreiten der Lügen tatsächlich zu den Werten des Grundgesetzes?

  • wenn Weltoffenheit zum Schimpfwort wird.

Dagegen kann wirklich niemand etwas sagen. Es bliebt nur zu fragen, wer Weltoffenheit zum Schimpfwort macht. Heißt Weltoffenheit, dass man sich gegen nichts und niemanden abgrenzen darf? Wer so offen ist, der ist wohl nicht ganz dicht.

Probleme der Zuwanderung und der Globalisierung dürfen weder ignoriert noch klein geredet werden. Ängste und Sorgen der Menschen sind zu hören und zu debattieren. Doch eine Spaltung unserer Gesellschaft durch Angst und Hass lassen wir nicht zu.

schreibt der Kirchenkreis weiter. Nun sind es gerade einige Menschen im Land, die diese Probleme angesprochen haben. CETA und TTIP werden nicht wirklich diskutiert. Die Auseinandersetzung damit wir darauf begrenzt, dass die Politik dem Volk fertige Argumentationen vorlegt, gegen die kein Einspruch möglich ist. Wer erzeugt da Angst und Spaltung? Welche Ursachen hat der Hass?

Wir brauchen Orte der Begegnung und des Dialogs, nicht Einseitigkeit und Agitation. Deutschland ist vielfältig und profitiert von dieser Vielfalt. Eine offene Gesellschaft mit Einwanderung ist nie frei von Konflikten, aber Integration ist in Deutschland schon millionenfach gelungen.

Hier wird es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, „Endgame“ und „Pegada“ würden mit „Pegida“ verwechselt. Wieviele Millionen Amerikaner wurden erfolgreich in Deutschland integriert? Die meisten, die als Soldaten hier stationiert sind, leben in ihren eigenen Kasernenstädten, von denen es aber in Thüringen gar keine gibt. Sie werden mit Waren aus den USA beliefert, kaufen mit dem Dollar im BX oder PX ein und haben eigene Schulen. Haben die Kirchenleute aus Thüringen das nicht gewusst?

Hass, Rassismus und Menschenfeindlichkeit haben in Erfurt keinen Platz!

Das ist gut so. Worum geht es aber bei „Endgame“ und „Pegada“?

Wir sagen NEIN zu jeder Art von Gewalt und Extremismus.
Wir sagen JA zu Nächstenliebe, Begegnung und Toleranz.

Auch das ist gut so. Wenn man sich gegen seine Nächsten stellt, gegen Nachbarn und Kollegen, kommt es sicher zu Begegnungen. Geschieht das aber aus Nächstenliebe, verträgt die überhaupt ein „gegen“? Toleranz hätte der Evangelische Kirchenkreis Erfurt beweisen können. Indem er sich erst erkundigt, gegen wen er mobil macht, und dann sachlich argumentiert. Es ist normal, dass im Bereich der Kirche vieles auf dem Glauben beruht. Wissen sollte man trotzdem nicht ablehnen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s